Ich glaube, dass Jesus für jeden Menschen, der ihm nachfolgt, eine Aufgabe hat. Damit meine ich nicht die „Universalaufgabe“ der Liebe zu Gott und zu den Menschen, sondern eine besondere Aufgabe, für die er uns auch begabt und zurüstet.
Schwierig wird es, wenn wir diese Aufgabe nicht übernehmen wollen (ja, die Bibel ist voll solcher Geschichten …).
Das ist bei mir der Fall.
Ich glaube, dass Gott mir eine bestimmte Aufgabe gegeben hat, und ich habe diese Aufgabe auch für einige Jahre seit meinem Coming-out übernommen. Immer wieder mit einem „warum ausgerechnet ich?“
Es geht vereinfacht ausgedrückt um Solidarität mit muslimischen Frauen, die sich aus Liebe zu Gott und aus Dankbarkeit für seine Barmherzigkeit verschleiern. Um eine sehr praktische Solidarität: mich zu kleiden wie sie, um in den Riss zwischen der Mehrheitsgesellschaft (zu der ich gehöre) und ihnen zu treten. Um diesen Frauen selbst eine verschleierte Frau zu werden. Gott hat mir mehr als einmal sehr deutlich gezeigt, dass dies meine Aufgabe ist.
Aber warum denn ausgerechnet ich?
Ich kann mir nur schwer vorstellen, als trans Frau die richtige Frau für diese Aufgabe zu sein. Natürlich weiß ich, dass Gott dafür seine Gründe hat, auch wenn sie mir verborgen bleiben.
Mir ist diese Aufgabe immer schwerer geworden, aus verschiedenen Gründen. Nicht, weil ich den Schleier als unangenehm, unbequem oder störend empfinde. Ganz im Gegenteil, damit habe ich nun wirklich keine Probleme. Ich komme gut damit zurecht, mich zu verschleiern. Sogar im Sommer und bei Hitze bereitet mir der Schleier nicht nur keine Probleme, sondern erweist sich meist sogar als vorteilhaft.
Aber ich habe eine ständige Angst, trotz des Schleiers geclockt zu werden. Clocking ist, wenn andere Menschen erkennen, dass wir trans sind, das auch aussprechen und zum Thema machen. Und gerade beim Thema Schleier ist das wirklich problematisch für mich.
Ich will nicht ins Detail gehen, aber mir fehlt die Kraft, damit umzugehen.
Darum habe ich den Schleier abgelegt und meine damit verbundene Homepage stillgelegt.
Das hat auch den Vorteil, dass ich nun deutlich als trans Frau sichtbar bin. Sichtbarkeit ist für trans*, inter*geschlechtliche, nichtbinäre und agender Personen wichtig. Sichtbarkeit normalisiert unsere Existenz, hilft dabei, Vorurteile abzubauen. Sie schafft Bewusstsein, sie verändert die Perspektiven. Sie weitet den Blick für geschlechtliche Vielfalt.
Wenn ich sichtbar bin, zeigt das anderen trans* Personen, dass sie nicht allein sind, dass sie bei mir sicher sind.
Es ist paradox, dass ich hinter dem Schleier Angst vor dieser Sichtbarkeit habe, ohne den Schleier aber selbstbewusst und offen damit umgehe. Aber die trans Frau hinter dem Schleier bedient Vorurteile und Klischees – auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft und auf Seiten der Muslime innerhalb der Gesellschaft.
Ich weiß, dass meine Sichtbarkeit als verschleierte Frau und in bestimmten Situationen sogar als verschleierte trans Frau (soweit das erkennbar war) wichtig gewesen ist. Denn auch hier gilt, dass Sichtbarkeit wichtig ist, Vorurteile abbaut, dabei hilft, Räume für Teilhabe zu öffnen. Aber mir fehlt die Kraft dafür.
Nicht aber der Wunsch, diesen Frauen, die sich aus Liebe zu Gott verschleiern, beizustehen. Ich weiß, dass Gott diese Frauen liebt. Ich weiß, dass er an ihrem Wohlbefinden interessiert ist - auch wenn viele Menschen, auch viele Christ*innen, das leider nicht so sehen wollen.
Ich werde auf dieser Homepage vermehrt als Baptistin, die zugleich trans Frau ist, sichtbar sein, aber ich werde auch für die Religionsfreiheit und das Selbstbestimmungsrecht muslimischer Frauen kämpfen, die sich für den Schleier entschieden haben. Nur werde ich dafür nicht mehr selbst den Schleier tragen, nicht mehr als eine von ihnen sichtbar sein.
Ich weiß noch nicht, was Gott darüber denkt. Ich weiß, dass er mich dafür nicht bestrafen wird, weil ich nicht mehr tun will, was er mir aufgetragen hat. Aber kann Segen darauf liegen, wenn ich etwas tue, was nicht meine Aufgabe in der Nachfolge Jesu ist? Ich hoffe es für die Menschen, denen ich mit meiner Sichtbarkeit als trans Frau im Baptismus helfen möchte. Ich möchte erreichen, dass wir trans*, inter*geschlechtlichen, nichtbinären und agender Personen in Baptist*innen- und überhaupt in freikirchlichen Gemeinden als zugehörig zur Schöpfung gesehen werden. Ich möchte erreichen, dass erkannt wird, dass Gottes am sechsten Tag der Schöpfung gesprochenes Wort „und siehe, es war sehr gut“ auch uns mit einschließt. Dass Gott nicht nur „Mann und Frau“ als sein Ebenbild geschaffen hat, sondern uns alle von männlich bis weiblich (und auch jenseits geschlechtlicher Begriffe, mit denen wir die geschlechtliche Vielfalt so gerne in Schubladen stopfen).
Diese Homepage soll in Zukunft sowohl dem Thema Trans im Baptismus als auch dem Thema Religionsfreiheit und Selbstbestimmungsrecht verschleierter muslimischer Frauen Raum geben. Zwei sehr unterschiedliche Themen, die aber beide eines gemeinsam haben: diese Menschen brauchen Sichtbarkeit.
Ich habe mit dieser Entscheidung lange und intensiv gerungen. Ich bin nicht wirklich damit fertig, dass ich die Aufgabe, die Gott mir gegeben hat, nicht mehr verfolgen mag. Was bin ich für eine Christin, die vor der Aufgabe, für die Gott sie berufen hat, wegläuft?
Ich hoffe, dass es „ausreicht“, dass ich für diese Frauen, für ihre Rechte, eintrete.
Und ist es in Ordnung, wenn ich mir selbst eine Aufgabe aussuche, ohne Berufung? Ich habe manchmal den Eindruck, dass dem nicht so ist. Nun, ich werde Gott dennoch bitten, mich dafür zuzurüsten und zu segnen. Nicht für mich, sondern für diejenigen, die von meiner Sichtbarkeit als trans Frau im Baptismus profitieren können. Die so erkennen, dass sie nicht allein sind - und dass sie sein dürfen, wie sie sind. Dass sie sich nicht in einem Wandschrank verstecken müssen.