„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“

So kennen wir den Bericht von der Erschaffung des Menschen aus dem ersten Kapitel des ersten Buches der Bibel (Genesis 1,27). Wie können wir diesen Vers verstehen? 

Der Mensch als fortpflanzungsfähiges Wesen

Nach Genesis 1 (dem jüngeren der beiden Schöpfungsberichte in Genesis) schuf Gott den Menschen, direkt nach den Tieren (Verse 20–25), am sechsten Tag.

Auch wenn es nicht direkt berichtet wird: schon vor dem Menschen schuf Gott die Tiere, die sich bekanntlich geschlechtlich fortpflanzen. Bei ihnen gab es also schon vor der Erschaffung des Menschen männliche und weibliche Exemplare (wobei die Tierwelt dabei durchaus Geschöpfe kennt, die etwa wie manche Fische das Geschlecht wechseln können). Auch in der Tierwelt kennen wir Exemplare, deren körperliches Geschlecht wir beim Menschen als inter*geschlechtlich bezeichnen würden, bei einigen Exemplaren wird auch eine Art Trans*geschlechtlichkeit vermutet. Bei einigen Knorpelfischen können sich die Weibchen ohne Männchen fortpflanzen (wobei die Nachkommen dann ausschließlich weiblich sind). 

Halten wir fest: „Mann und Frau“ ist in biologischer Hinsicht nicht etwas, das es nur beim Menschen gibt; auch die Tiere kommen in der Regel als Männchen und Weibchen vor. Und schon die am dritten Tag geschaffenen Pflanzen (Verse 11–12) kennen bereits die geschlechtliche Fortpflanzung. 

Vers 27 beschreibt also in Hinsicht auf das körperliche Geschlecht keine Neuerung in der Schöpfung, als sei nur der Mensch aus Sicht der Biologie männlich oder weiblich. 

Männlich, weiblich

Übrigens ist die Übersetzung „Mann und Frau“ nicht die wörtliche Übersetzung des Grundtextes. Wörtlich steht im Hebräischen „männlich und weiblich“. Statt die üblichen hebräischen Wörter für Mann und Frau ('isch und 'ischah) zu verwenden, hat der Autor die Bezeichnungen männlich und weiblich (sachar und nekebah) verwendet. Die uns vertraute Übersetzung mit „Mann und Frau“ ist zwar möglich, ist aber nicht die genaue wörtliche Übersetzung. Während sich 'isch und 'ischah eher auf Mann und Frau als Paar bezieht, drücken sachar und nebekah eher die auf die Fortpflanzung bezogene körperlich-geschlechtliche Unterschiedlichkeit aus (die, wie wir gesehen haben, schon in der Pflanzen- und Tierwelt gegeben ist). 

Von männlich bis weiblich

Und da wir gerade von Übersetzung sprechen: Im Hebräischen ist nicht das gemeint, was wir als „männlich und weiblich“ verstehen, sondern eher „von männlich bis weiblich“, also kein entweder – oder, sondern ein Spektrum von … bis. Auch das entspricht dem, was wir schon in der Tierwelt finden: Tiere, die weder eindeutig männlich noch weiblich sind, Tiere beispielsweise, die ihr Geschlecht wechseln (vor allem bestimmte Fische). Tiere, die äußerlich einen männlichen Geschlechtsausdruck haben, aber innerlich weibliche Geschlechtsorgane besitzen (bekannt bei Vögeln, aber auch Säugetieren). 

Das entspricht der Tatsache, dass Gott nicht nur Tag und Nacht geschaffen hat (Verse 14–19), sondern auch die Dämmerung, auch wenn sie im Text nicht ausdrücklich genannt wird. So steht auch das „kleine Licht“, das laut Bibeltext die Nacht regiert, regelmäßig am Tageshimmel. Auch hier kein „entweder – oder“, sondern ein „von … bis“. Bei der Erschaffung von Land und Meer (Verse 6–10) müssen wir das Ufer mitdenken, das gleichzeitig zum Meer und zum Land gehört, gerade auch bei Ebbe und Flut. Die Schöpfung ist nie „entweder – oder“, sondern kennt diese Wirklichkeit zwischen den Polen, so auch beim Menschen und seiner auf die Fortpflanzung bezogene Geschlechtlichkeit: von männlich bis weiblich. 

Genesis 1,27 sagt uns also nicht, dass es nur entweder Mann oder Frau gibt. Der Vers sagt uns, dass unser körperliches, auf die Fortpflanzung gerichtetes Geschlecht ein Spektrum von männlich bis weiblich abdeckt. Wohlgemerkt geht es dabei um die auf die Fortpflanzung gerichtete Geschlechtlichkeit. Wir wissen heute, dass die geschlechtliche Identität des Menschen nicht damit identisch sein muss. Und soweit ich den Bibeltext verstehe, geht es hier nicht um die geschlechtliche Identität, sondern darum, ob wir große oder kleine Keimzellen produzieren, um neues Leben zu erschaffen. 

Den Tieren ähnlich und doch eine ganz eigene Schöpfung

Warum aber führt der Autor von Genesis 1 überhaupt die auf die Fortpflanzung bezogene Geschlechtlichkeit als Besonderheit an, wenn sie doch schon bei Pflanzen und Tieren gegeben ist? Denn natürlich wusste der Autor, dass gerade Tiere als männliche und weibliche Exemplare vorkommen, das war ja auch damals schon nicht zu übersehen. Es geht hier also nicht um etwas, das den Menschen aus der übrigen Schöpfung heraushebt. Es ist eher etwas, das zeigt, dass wir Menschen in dieser Hinsicht nicht anders als Tiere geschaffen sind – und doch sind wir mehr als nur Tiere; denn wir sind geschaffen „nach dem Bilde Gottes“. Die Schöpfung des Menschen wird darum deutlich von der Erschaffung der Tierwelt abgegrenzt und dem Schöpfer auf besondere Weise zugeordnet. 

Der Mensch als Ebenbild Gottes

Das hebräische Wort für „Bild“ bedeutet soviel wie Ebenbild, Abbild, Standbild oder (Götter-) Statue. Psalm 8,6 spitzt das in deutlicher Anlehnung an unseren Schöpfungsbericht zu, indem es dort heißt, der Mensch sei nur wenig geringer gemacht als Gott (hebräisch Elohim, was von manchen Ausleger*innen sowie der Septuaginta allerdings als „Gottwesen“ oder „Engel“ übersetzt wird) und sei mit Ehre und Würde gekrönt. Der Hebräerbrief (2,6-9) bezieht diese Aussage allerdings nicht auf den Menschen im Allgemeinen, sondern auf den Menschensohn, Christus. Ich glaube, dass beides gemeint ist: der Mensch im Allgemeinen und dann, als Höhepunkt, der Menschensohn, Christus. 

Im alten Orient steht die Götterstatue als Stellvertreter für den entsprechenden Gott. Ihr wird eine Wirkmächtigkeit zugeschrieben, die ihr von dem Gott zufließt, den sie darstellt. Wir wissen freilich, dass solche Götterstatuen nur totes Holz sind, die nichts bewirken können. 

Dass wir als Ebenbild Gottes geschaffen sind, bedeutet im altorientalischen Denken, dass wir als Gottes Stellvertreter*innen in die Schöpfung gestellt sind, um über sie zu herrschen. In diesem Denken soll der Herrscher seine Untertanen aber nicht ausbeuten und unterdrücken, sondern für das Wohl seiner Untertanen sorgen. Wir sind geschaffen, um fürsorgliche Herrscher*innen der Mitschöpfung zu sein. 

Die Götterstatuen der anderen altorientalischen Völker waren leblose Statuen. Demgegenüber ist der Mensch als Gottesebenbild belebt, kein totes Holz, sondern lebendig, sogar fähig zur Fortpflanzung, dem wohl deutlichsten Merkmal des Lebens; denn er ist von männlich bis weiblich geschaffen und kann sich fortpflanzen. 

Der Gott Israels gibt den Menschen keine leblosen Götterstandbilder, sondern ein lebendes Ebenbild seiner selbst. Eines Tages sollte Gott selbst Mensch werden und damit nicht nur Ebenbild sein, sondern Gott selbst würde als der Menschensohn unter die Menschen treten. Gott würde ihm alles unter die Füße legen. Jesus ist der Bräutigam seiner Gemeinde.

Spielt es seit Christus noch eine Rolle? 

In Jesus und seiner Braut, der Gemeinde, ist das „von männlich bis weiblich“ vollendet. Darum kann Paulus in seinem Brief an die Galater auch schreiben, dass kein Unterschied mehr ist zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau; denn durch Christus sind wir alle zusammen ein neuer Mensch geworden (Galater 3,28). Für „Mann und Frau“ steht interessanterweise auch hier im griechischen Grundtext „männlich und weiblich“. 

Seit Jesus spielt die Frage, ob wir (eher) männlich oder (eher) weiblich sind (oder nichtbinär oder agender), aus christlicher Sicht keine entscheidende Rolle mehr. 

Ein feministischer Gedanke zum Vers

Ich glaube als Feministin, dass unser Vers 27 vor allem eines deutlich machen wollte: dass nicht nur der Mann Ebenbild Gottes ist, sondern ebenso und kein bisschen weniger die Frau.

Ihr steht darum dieselbe Würde, die sich aus der Gottesebenbildlichkeit ergibt, zu wie dem Mann. Frau und Mann sind beide nur wenig geringer gemacht als Gott und mit Ehre und Würde gekrönt. Frauen stehen an Ehre und Würde nicht unter den Männern. Von der Schöpfung her sind beide aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit als Herrscher über ihre Mitschöpfung gedacht – und nicht zuerst die Männer über die Frauen. 

Und wenn wir unseren Text genau nehmen, so gilt das für alle Menschen von männlich bis weiblich. Dieselbe Ehre und Würde, die Frauen und Männern als Ebenbildern Gottes zusteht, steht auch allen inter*geschlechtlichen, nichtbinären, agender und trans* Personen zu. Es gibt da einfach keinen Unterschied. Und auch die Gemeinde Christi darf da keinen Unterschied machen. Denn bei Gott sind sie alle willkommen. 

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