„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“
So kennen wir den Bericht von der Erschaffung des Menschen aus dem ersten Kapitel des ersten Buches der Bibel (Genesis 1,27). Wie können wir diesen Vers verstehen?
Gerade beim Thema geschlechtliche Vielfalt wird er oft so verstanden, dass es nur zwei „biologische“ Geschlechter gäbe, Mann und Frau.
Aber lässt sich das tatsächlich aus diesem Vers schließen?
Glaube und Naturwissenschaft
Ich bin überzeugt, dass Glaube und Naturwissenschaft einander nicht ausschließen. Beide betreffen verschiedene Ebenen der Wirklichkeit.
Unsere naturwissenschaftliche Erkenntnis ist heute gegenüber dem, was die Autoren der Bibel wussten, erheblich weiter fortgeschritten.
Verantwortungsvolle Theologie lehnt naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht ab, sondern berücksichtigt sie bei der Auslegung der Bibel.
Im Bereich der Biologie hat die Naturwissenschaft große Fortschritte gemacht, die auch unseren Text betrifft.
Wir Menschen sind Geschöpfe Gottes, geschaffen als Ebenbilder Gottes, der uns seinen Odem des Lebens eingeblasen hat, aber unsere körperliche Beschaffenheit folgt nach seinem Willen Gesetzen der Natur. Auch unser Geschlecht basiert auf natürlichen Abläufen.
Der erste Schöpfungsbericht
Der erste Schöpfungsbericht, Genesis 1, entstand wahrscheinlich während des Babylonischen Exils1.
Der Verfasser wollte keine wissenschaftliche Arbeit erstellen, sondern reagiert mit einer flammenden apologetischen Rede auf die sumerisch-babylonischen Schöpfungsmythen, um herauszustellen, dass der Gott Israels der Schöpfer und Gott der ganzen Welt ist, der die Menschen als seine Stellvertreter („nach dem Bild Gottes“) geschaffen hat, nicht als Sklaven, die vor den Abbildern der willkürlich handelnden Götter niederknien und opfern müssen. Der Gott Israels steht über den Göttern der Babylonier, ja, er duldet keine anderen Götter neben sich!
Der Mensch als fortpflanzungsfähiges Wesen
Nach Genesis 1 schuf Gott den Menschen am sechsten Tag, direkt nach den Tieren (Verse 20–25).
Auch wenn es nicht direkt berichtet wird: schon vor dem Menschen schuf Gott die Tiere so, dass sie sich geschlechtlich fortpflanzen. Bei ihnen gab es also schon vor der Erschaffung des Menschen männliche und weibliche Exemplare (wobei die Tierwelt dabei durchaus Geschöpfe kennt, die etwa wie manche Fische das Geschlecht wechseln können).
Auch in der Tierwelt kennen wir Exemplare, deren körperliches Geschlecht wir beim Menschen als inter*geschlechtlich bezeichnen würden, bei einigen Exemplaren wird auch eine Art Trans*geschlechtlichkeit vermutet. Bei einigen Knorpelfischen können sich die Weibchen ohne Männchen fortpflanzen (Parthenogenese, wobei die Nachkommen dann ausschließlich weiblich sind).
Halten wir fest: „Mann und Frau“ ist in biologischer Hinsicht nicht etwas, das es nur beim Menschen gibt; auch die Tiere kommen in der Regel als Männchen und Weibchen vor. Und auch die am dritten Tag geschaffenen Pflanzen (Verse 11–12) kennen bereits die geschlechtliche Fortpflanzung.
Vers 27 beschreibt also in Hinsicht auf das Geschlecht keine Neuerung in der Schöpfung, als sei nur der Mensch männlich und weiblich.
Männlich und weiblich
Übrigens ist die Übersetzung „Mann und Frau“ nicht die wörtliche Übersetzung des Grundtextes.
Wörtlich steht im Hebräischen „männlich und weiblich“. Statt die üblichen hebräischen Wörter für Mann und Frau ('isch und 'ischah) zu verwenden, hat der Autor die Bezeichnungen männlich und weiblich (sachar und nekebah) verwendet. Die uns vertraute Übersetzung mit „Mann und Frau“ ist zwar möglich, ist aber nicht die genaue wörtliche Übersetzung.
Während sich 'isch und 'ischah eher auf Mann und Frau als Paar bezieht und Zusammengehörigkeit ausdrücken, drücken sachar und nebekah eher die auf die Fortpflanzung bezogene körperlich-geschlechtliche Unterschiedlichkeit aus (die, wie wir gesehen haben, schon in der Pflanzen- und Tierwelt gegeben ist).
Das bedeutet natürlich auch, dass es hier nicht eigentlich um die geschlechtliche Identität geht, sondern streng genommen um die Frage, ob eine Person große oder kleine Keimzellen (Eizellen oder Samenzellen) produziert, um sich fortzupflanzen.
Allerdings wurde früher nicht zwischen geschlechtlicher Identität und körperlichem Geschlecht unterschieden. Es wurde streng nach dem Aussehen der primären Geschlechtsmerkmale unterschieden, wer männlich und wer weiblich ist (und wer vermeintlich nicht der „Norm“ entsprach).
Heute wissen wir, dass hier allerdings aus wissenschaftlicher Sicht unterschieden werden muss, weil bei manchen Menschen (trans*2, nichtbinär3, agender4) das körperliche Geschlecht und die geschlechtliche Identität nicht identisch sind. Das „größte Geschlechtsorgan“ des Menschen, sein Gehirn, entwickelt sich im Hinblick auf das Geschlecht manchmal anders als die primären Geschlechtsmerkmale5.
Es stellt sich aber die Frage, wie wir unsere moderne Sicht mit dem Text in Einklang bringen. Beschränken wir unsere Überlegungen auf Fragen des körperlichen Geschlechts (und damit zu endo- und inter*geschlechtlichen Menschen6) oder erweitern wir sie auf Fragen der geschlechtlichen Identität (und damit zu cis, trans*, nichtbinären und agender Personen)? Ich tendiere dazu, dass wir Fragen der geschlechtlichen Identität mit einbeziehen. „Männlich und weiblich“ bezieht sich nicht nur auf die Fortpflanzungsmerkmale, sondern ebenso auf die geschlechtliche Identität. Sie ist aber ursprünglich nicht Thema unseres Bibeltextes.
In Genesis 5,1-2 wird übrigens dieselbe Formulierung verwendet: „Als Gott den Menschen erschuf, machte er ihn als sein Ebenbild. Er schuf sie männlich (sachar) und weiblich (nebekah). Gott segnete sie und gab ihnen den Namen Mensch7 (adam) an dem Tag, als sie erschaffen wurden.“
Von männlich bis weiblich
Und da wir gerade von Übersetzung gesprochen haben: Im Hebräischen ist nicht das gemeint, was wir als „männlich und weiblich“ verstehen, sondern eher „von männlich bis weiblich“, also kein entweder – oder, sondern ein Spektrum von … bis. Auch das entspricht dem, was wir schon in der Tierwelt finden: Tiere, die weder eindeutig männlich noch weiblich sind, Tiere beispielsweise, die ihr Geschlecht wechseln (vor allem bestimmte Fische). Tiere, die äußerlich einen männlichen Geschlechtsausdruck haben, aber innerlich weibliche Geschlechtsorgane besitzen (bekannt bei Vögeln, aber auch Säugetieren).
Das entspricht der Tatsache, dass Gott nicht nur Tag und Nacht geschaffen hat (Verse 14–19), sondern auch die Dämmerung, auch wenn sie im Text nicht ausdrücklich genannt wird. So steht auch das „kleine Licht“, das laut Bibeltext die Nacht regiert, regelmäßig am Tageshimmel. Auch hier kein „entweder – oder“, sondern ein „von … bis“. Bei der Erschaffung von Land und Meer (Verse 6–10) müssen wir das Ufer mitdenken, das gleichzeitig zum Meer und zum Land gehört, gerade auch bei Ebbe und Flut. Die Schöpfung ist nie „entweder – oder“, sondern kennt diese Wirklichkeit zwischen den Polen, so auch beim Menschen und seiner Geschlechtlichkeit: von männlich bis weiblich.
Menschen, die nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, gehören ebenso zu Gottes Schöpfung. Wir haben hier keinen Ausschluss von insbesondere inter*geschlechtlichen Personen.
Genesis 1,27 sagt uns also nicht, dass es nur entweder Mann oder Frau gibt. Der Vers sagt uns, dass unser Geschlecht ein Spektrum von männlich bis weiblich abdeckt. Bei der geschlechtlichen Identität ist die Wissenschaft allerdings weiter: Manche Menschen haben keine geschlechtliche Identität, ordnen sich keinem Geschlecht zu (agender). Also von männlich bis weiblich und alle ohne Geschlechtsidentität.
Den Tieren ähnlich und doch eine ganz eigene Schöpfung
Warum aber führt der Autor von Genesis 1 überhaupt die auf die Fortpflanzung bezogene Geschlechtlichkeit als Besonderheit an, wenn sie doch schon bei Pflanzen und Tieren gegeben ist? Denn natürlich wusste der Autor, dass gerade Tiere als männliche und weibliche Exemplare vorkommen, das war ja auch damals schon nicht zu übersehen.
Es geht hier also nicht um etwas, das den Menschen aus der übrigen Schöpfung heraushebt. Es ist eher etwas, das zeigt, dass wir Menschen in dieser Hinsicht nicht anders als Tiere geschaffen sind – und doch sind wir mehr als nur Tiere; denn wir sind geschaffen „nach dem Bilde Gottes“.
Die Schöpfung des Menschen wird darum deutlich von der Erschaffung der Tierwelt abgegrenzt und dem Schöpfer auf besondere Weise zugeordnet.
Der Mensch als Ebenbild Gottes
Das hebräische Wort für „Bild“ bedeutet so viel wie Ebenbild, Abbild, Standbild oder (Götter-) Statue. Psalm 8,6 spitzt das in deutlicher Anlehnung an unseren Schöpfungsbericht zu, indem es dort heißt, der Mensch sei nur wenig geringer gemacht als Gott8 und sei mit Ehre und Würde gekrönt. Der Hebräerbrief (2,6-9) bezieht diese Aussage allerdings nicht auf den Menschen im Allgemeinen, sondern auf den Menschensohn, Christus. Ich glaube, dass beides gemeint ist: der Mensch im Allgemeinen und dann, als Höhepunkt, der Menschensohn, Christus.
Im alten Orient steht die Götterstatue als Stellvertreter für den entsprechenden Gott. Ihr wird eine Wirkmächtigkeit zugeschrieben, die ihr von dem Gott zufließt, den sie darstellt. Wir wissen freilich, dass solche Götterstatuen nur totes Holz sind, die nichts bewirken können.
Dass wir als Ebenbild Gottes geschaffen sind, bedeutet im altorientalischen Denken, dass wir als Gottes Stellvertreter*innen in die Schöpfung gestellt sind, um über sie zu herrschen9. In diesem Denken soll der Herrscher seine Untertanen aber nicht ausbeuten und unterdrücken, sondern für das Wohl seiner Untertanen sorgen. Wir sind geschaffen, um fürsorgliche Herrscher*innen der Mitschöpfung zu sein. Wir sind darum als Wesen geschaffen, die schöpferisch tätig sein können.
Die Götterstatuen der anderen altorientalischen Völker waren leblose Statuen. Demgegenüber ist der Mensch als Gottesebenbild belebt, kein totes Holz, sondern lebendig, sogar fähig zur Fortpflanzung, dem wohl deutlichsten Merkmal des Lebens; denn er ist von männlich bis weiblich geschaffen und kann sich fortpflanzen.
Der Gott Israels gibt den Menschen keine leblosen Götterstandbilder, um ihnen zu dienen und zu opfern, sondern ein lebendes Ebenbild seiner selbst, einen Stellvertreter seiner selbst, nur wenig geringer gemacht als Gott.
Eines Tages sollte Gott selbst Mensch werden und damit nicht nur Ebenbild sein, sondern Gott selbst würde als der Menschensohn unter die Menschen treten. Gott würde ihm alles unter die Füße legen. Jesus ist der Bräutigam seiner Gemeinde, der Braut.
Spielt es seit Christus noch eine Rolle?
In Jesus und seiner Braut, der Gemeinde, ist das „von männlich bis weiblich“ vollendet. Unser Bibeltext kann aus christlicher Sicht darum als prophetische Schau auf diese Vollendung gedeutet werden.
Darum kann Paulus in seinem Brief an die Galater auch schreiben, dass kein Unterschied mehr ist zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau; denn durch Christus sind wir alle zusammen ein neuer Mensch geworden (Galater 3,28). Für „Mann und Frau“ steht interessanterweise auch hier im griechischen Grundtext „männlich und weiblich“.
Seit Jesus spielt die Frage, ob wir (eher) männlich oder (eher) weiblich sind (oder nichtbinär oder agender), aus christlicher Sicht keine entscheidende Rolle mehr.
Ein feministischer Gedanke zum Vers
Ich glaube als Feministin, dass unser Vers 27 vor allem eines deutlich machen wollte: dass nicht nur der Mann Ebenbild Gottes ist, sondern ebenso und kein bisschen weniger die Frau.
Ihr steht darum dieselbe Würde, die sich aus der Gottesebenbildlichkeit ergibt, zu wie dem Mann. Frau und Mann sind beide nur wenig geringer gemacht als Gott und mit Ehre und Würde gekrönt. Frauen stehen an Ehre und Würde nicht unter den Männern. Von der Schöpfung her sind beide aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit als Herrscher über ihre Mitschöpfung gedacht – und nicht zuerst die Männer über die Frauen.
Und wenn wir unseren Text genau nehmen, so gilt das für alle Menschen von männlich bis weiblich. Dieselbe Ehre und Würde, die Frauen und Männern als Ebenbildern Gottes zusteht, steht auch allen inter*geschlechtlichen, nichtbinären, agender und trans* Personen zu. Es gibt da einfach keinen Unterschied. Und auch die Gemeinde Christi darf da keinen Unterschied machen. Denn bei Gott sind sie alle willkommen.
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1 Der zweite Schöpfungsbericht, Genesis 2, ist wahrscheinlich älter und entstand in der Zeit vor dem Exil.
2 Trans* bedeutet, dass die geschlechtliche Identität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlechtseintrag übereinstimmt.
3 Nichtbinär sind Menschen, die sich nicht ausschließlich der männlichen oder weiblichen Geschlechtsidentität zuordnen.
4 Agender sind Menschen, die sich keiner geschlechtlichen Identität zuordnen.
5 Wir wissen heute, dass dies bereits im Mutterleib geschieht, wahrscheinlich ausgelöst durch hormonelle Einflüsse, deren Ursachen allerdings noch nicht vollständig geklärt sind.
6 Endogeschlechtliche (oder dyadische) Menschen sind solche, bei denen die körperlichen Geschlechtsmerkmale (Geschlechtschromosomen, Geschlechtshormone, primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale usw.) eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, bei inter*geschlechtliche Menschen ist dies nicht der Fall.
7 Hebr. adam, wörtlich „Mensch“; kann sowohl die einzelne Person, Adam, als auch die Menschheit bezeichnen.
8 Hebräisch elohim, wörtlich „Gott, Götter“, Pluralform von eloah, „Gott“, in der Bibel meist in Bezug auf Gott als Schöpfer, der Plural wird hier oft als Pluralis majestis verstanden (seit Augustinus auch als Hinweis auf die Dreifaltigkeit Gottes), Von manchen Ausleger*innen sowie der Septuaginta allerdings als „Gottwesen“ oder „Engel“ übersetzt.
9 Im Gegensatz zur sumerisch-babylonischen Vorstellung, dass der Mensch Sklave der Götter sei, denen er in Gestalt der Götterstatuen dient.