Trans* hat genau so viel mit Sexualität zu tun wie Linkshändigkeit – gar nichts.
Jedenfalls eigentlich. Denn sobald trans* Personen ihre Sexualität entdecken und ausleben, spielt es eine entscheidende Rolle, ob sie sich ihres Transseins bewusst sind oder nicht.
Trans* Personen unterscheiden sich im Hinblick auf die Sexualität grundsätzlich nicht von cis Personen (also Personen, die nicht trans sind): Manche sind heterosexuell, andere homosexuall, bisexuell, demisexuell, asexuell … Trans* stellt keine sexuelle Orientierung dar, sondern betrifft die geschlechtliche Identität einer Person.
Ob wir trans sind oder cis, entscheidet sich schon während der Schwangerschaft. Es ist angeboren. Es ist keine Entscheidung, die wir treffen – so wenig wie wir entscheiden können, ob wir nun linkshändig sind oder rechtshändig. Trans* zu sein ist keine Entscheidung – wir müssen allerdings entscheiden, wie wir damit umgehen.
Und in einer Gesellschaft, in der Cis die Norm darstellt und Trans* oftmals eher als defizitär betrachtet wird, ist das keine leichte Entscheidung. Die meisten trans* Menschen wissen gar nicht, was Trans ist – sie nehmen an, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Dass etwas in ihnen, etwas mit ihrer geschlechtlichen Identität, „kaputt“ ist. Meist geben wir dann für Jahre oder gar Jahrzehnte vor, etwas zu sein, das wir gar nicht sind. In meinem Fall waren es 45 Jahre, und das hatte viele negative Auswirkungen.
Gerade für trans* Kinder, Teenies und Jugendliche ist das sehr belastend. Darum ist es für sie wichtig, dass sie wissen, was Trans* ist. Dass es cis Menschen und trans* Menschen gibt und dass beides ganz normal, ganz natürlich ist – und dass ein Mensch, der trans* ist, nicht „kaputt“ ist und womöglich „repariert“ werden muss.
Wenn wir Kindern erklären, was Trans ist, dann macht das kein einziges Kind trans, wie manche Menschen offenbar befürchten. Es hilft aber trans* Kindern zu erkennen, dass sie nicht allein sind. Dass es andere Kinder, andere Personen gibt, die so sind wie sie. Sie können lernen, dass ihr Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, falsch ist. Sie können lernen, dass sie nicht „repariert“ werden müssen. Denn alle Versuche, Trans* zu korrigieren, etwa durch sogenannte Konversionstherapien, sind ausschließlich schädlich. Darum ist es gut, dass sie verboten sind.
Am meisten können trans* Kinder von anderen Kindern lernen, die so sind wie sie. Trans* Personen sind für trans* Kinder wichtige Rollenvorbilder.
Das hat gar nichts mit „Frühsexualisierung“ zu tun. Es ist nicht anders, als wenn wir linkshändigen Kindern erklären, dass bei ihnen nichts kaputt ist, nur weil bei ihnen eine Linksdominanz vorliegt.
Es hilft Kindern, ihre Persönlichkeit zu entdecken, ohne dass dies von Vorstellungen und Normen überlagert wird, dass nur Cis natürlich oder normal sei.
Später, wenn trans* Kinder ihre Sexualität entdecken, spielt es natürlich eine Rolle, ob sie ihr Transsein angenommen haben – oder ob sie glauben, dass mit ihrem geschlechtlichen Empfinden etwas nicht stimmt, dass da bei ihnen etwas „kaputt“ ist. Denn ein trans* Kind, das sich dessen nicht bewusst ist, kann seine Sexualität einfach nicht unvoreingenommen entdecken. Solche Kinder werden im entsprechenden Alter ihre Sexualität als bedrohlich, als problematisch erleben. Das wird sich auf darauf auswirken, wie sie später, als Jugendliche oder Erwachsene, ihre Sexualität mit Partner*innen ausleben.
Ich werde nicht ins Detail gehen, aber vor meinem Coming-out war meine Sexualität schädlich – für mich und für andere. Erst durch mein Coming-out hat sich das zum Besseren verändert.
Viele trans* Personen stellen nach ihrem Coming-out fest, dass ihre Sexualität vorher problematisch war, womöglich sogar „verkorkst“. Trans* Personen müssen ihr Transsein angenommen haben, damit sie ein gesundes und normales Verhältnis zur Sexualität entwickeln können.
Von daher hat Trans* zwar nichts mit Sexualität zu tun, aber unsere Sexualität hat sehr wohl damit zu tun, ob trans* Personen ihr Transsein angenommen und in ihre sexuelle Existenz integriert haben. Nur dann können sie eine normale, gesunde Sexualität entwickeln. Wenn nicht, führt das zwangsläufig zu Problemen.
Wie gesagt: Wenn wir trans* Kindern die Möglichkeit geben, ihr Transsein zu entdecken und anzunehmen, dann hat das positive Auswirkungen auf ihre Sexualität. Das ist dann keine „Frühsexualisierung“, sondern eine wichtige Voraussetzung, ein unerlässliches Fundament dafür, eine gesunde Sexualität zu entwickeln.
Wer trans* Kindern diese Möglichkeit nimmt, fügt ihnen einen großen Schaden zu. Er nimmt ihnen das Fundament für die Entwicklung einer gesunden Sexualität.