Als evangelikale Christin, die die Bibel ernst nimmt, kann ich nicht verstehen, dass so viele meiner Mit-Evangelikalen die sog. AfD wählen und deren Positionen übernehmen und sogar als vereinbar mit ihrem Glauben betrachten.
Was ist für evangelikale Christ*innen so anziehend am Rassismus, an der Islamfeindlichkeit, an der Transmisia, an der Ablehnung von Empathie und Nächstenliebe, die in der AfD weit verbreitet sind?
Was ist so anziehend an Menschenhass, an Diskriminierung, an Wutmenschen? Woher die rechts-gläubige Wut auf das „Gendern“, auf „Woke", auf progressive Männlichkeitsbilder, eine Wut, mit der man sich bei der AfD gut aufgehoben fühlt?
Woher die Angst vor Vielfalt, vor dem Anderen, dem „Fremden“?
Warum predigen so viele meiner Mit-Evangelikalen einen Kulturkampf? Einen Kulturkampf gegen „Identitätskultur“, gegen Energiewende, gegen die Akzeptanz von Queerness (Trans, nichtbinär, Schwule, Lesben …), gegen sichtbare muslimische Religiosität? Führen einen Kreuzzug für eine „christlich-abendländische Leitkultur“, gegen Kopftücher, Burkinis, Minarette und Moscheen?
Warum öffnen sich so viele von ihnen den neo-charismatischen Irrlehren der New Apostolic Reformation (NAR) mit ihren Lehren vom Dominionismus, dem Seven Mountains Mandate usw.?
Warum predigen so viele meiner Mit-Evangelikalen ein toxisches Verständnis von Geschlechterrollen, relativieren und verharmlosen Gewalt gegen Frauen, bejubeln Vertreter toxischer Männlichkeit und „Tradwifes“, ultrarechte „Christfluencer“?
Ja, „nicht alle Evangelikale“. Aber zu viele von uns. Und zu wenige von uns erheben ihre Stimme, nennen Missstände beim Namen, rufen zur Umkehr, zur Rückkehr zu biblischen Werten wie Nächstenliebe und Fremdenliebe auf.
„Nicht alle Evangelikale“ klingt wie ein Hohn, wenn so vielen Menschen durch evangelikale Kulturkrieger und Hassprediger Gewalt geschieht, wenn so viele herabgewürdigt, dehumanisiert, dämonisiert werden.
Viele von uns Evangelikalen fühlen sich offenbar von einer bunten, vielfältigen und progressiven Gesellschaft, von „Multikulti“, von Diversität überfordert. Viele von uns kommen offenbar nicht damit zurecht, dass unsere uns so vertrauten (aber oft nicht reflektierten) Ideale und Werte heute nicht mehr so viel gesellschaftlichen und politischen Rückhalt haben wie früher. Sie suchen Halt.
Aber ist nicht allein Jesus unser Halt? Ist er nicht genug für uns?
Brauchen wir wirklich die rechten Kulturkämpfer und Hassprediger?
Nein. Jesus genügt. Allein die Liebe trägt.
Es ist nicht unsere Aufgabe, Kulturkrieger zu sein. Es ist unsere Aufgabe, die Menschen zu lieben, ihr Leben zu verbessern, ihnen in Zeiten der Not und des Leids beizustehen. Es ist unsere Aufgabe, auf Seiten der Ausgegrenzten, der Entrechteten, der Diskriminierten, der Kranken, der Behinderten, der Armutsbetroffenen, der Einsamen zu stehen. Den Suchenden beim Finden zu helfen, den Fragenden dabei, tragfähige Antworten zu finden, den Verzweifelten beizustehen.
Eine andere Aufgabe haben wir nicht. Und da ist auch mehr als genug für uns alle zu tun.