Ich bin Christin und trans Frau - und ich möchte gerne Gesicht zeigen1, ich möchte erkennbar und ansprechbar sein, in meiner eigenen Kirche, dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, im Raum der evangelischen Freikirchen und in der evangelikalen Bewegung.
Ich möchte anderen trans* Personen zeigen: Du bist nicht allein. Und Du bist nicht „falsch“, Du darfst so leben, als trans* Person und als Christ*in.
Ich möchte unseren Gemeinden zeigen: Es gibt uns. Und wir wollen teilhaben am Leben unserer Gemeinden, ohne diskriminiert zu werden. Wir sind gläubige Christ*innen, Nachfolger*innen Jesu, wir nehmen unseren Glauben ernst. Ich bin Baptistin, und wir sind vor allem eine Gemeindebewegung. Es ist nach unserer Lehre wichtig, dass wir alle lebendige Glieder der Gemeinde sind und der Gemeinde mit den Gaben dienen, die Gott uns durch seinen Geist gegeben hat.
Das ist, was ich gerne möchte. Es liegt mir am Herzen.
Aber: Ich glaube, es ist nicht das, was Gott von mir möchte.
Ich habe durchaus den Eindruck, dass Gott überhaupt kein Problem mit trans* Personen in seiner Kirche hat. Und er wünscht sich Christ*innen, die für unsere Teilhabe eintreten. Vor allem auch Christ*innen, die nicht selbst trans* sind, sondern cis. Die also nicht für sich selbst, sondern für andere eintreten, die solidarisch sind.
Aber für mich hat Gott, so nehme ich es wahr, eine andere Aufgabe parat. Die hat auch mit Gesicht zeigen zu tun, wenn auch auf ganz andere Weise (und eigentlich ohne tatsächlich Gesicht zu zeigen).
Einsatz für vollverschleierte Frauen
Schon recht bald nach meinem Coming-out als trans Frau 2018 hat Gott mir gezeigt, so habe ich es damals empfunden und so empfinde ich es bis heute, dass ich mit den muslimischen Frauen solidarisch sein soll, die sich verschleiern – nicht nur mit einem Kopftuch, sondern wie es in nicht ganz korrektem Deutsch heißt: „Vollverschleiert“. Dass ich für deren Recht auf ein diskriminierungsfreies, selbstbestimmtes Leben gemäß ihrer religiösen Überzeugungen eintreten soll.
Das könnte ich sicherlich auch tun, ohne selbst den Schleier zu tragen (und das habe ich Gott auch durchaus gesagt …) – aber ich habe den Eindruck, dass ich tatsächlich wie sie leben soll, mit dem Schleier. Dass ich in den Riss zwischen ihnen und unserer Mehrheitsgesellschaft treten soll.
Gott hat mich da sehr an die Menschwerdung Jesu und an Philipper 2,5ff erinnert, aber auch an die Aufforderung des Paulus’: „Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche“. Mir wurde deutlich, dass dieses Wort für mich weitergeht: „Den Musliminnen wie eine Muslimin“.
In meinem Herzen weiß ich: Gott liebt diese Frauen. Er will nicht, dass sie diskriminiert werden, dass sie als Bürgerinnen zweiter Klasse behandelt werden. Und das ist auch mir wichtig, zumal ich Baptistin bin, und der Einsatz für die allgemeine Religionsfreiheit gehört zu den baptistischen Prinzipien („Baptist Principles“).
Hindernisse
Für mich gibt es zwei Hindernisse. Zum einen würde ich viel lieber als trans* Frau Gesicht zeigen, für Christ*innen, die so sind wie ich, eintreten. Zum anderen: In unserer Gesellschaft und zudem als Nichtmuslimin und ganz besonders als trans Frau ist das sehr schwierig.
Zum ersten Punkt hat Gott mir gezeigt, dass es für uns Christ*innen viel wichtiger ist, nicht für diejenigen Leute einzutreten, die so sind wie wir selbst, sondern gerade für die anderen einzutreten. Zum zweiten Punkt hat er mir sehr deutlich gezeigt, dass nirgendwo gesagt ist, dass die Nachfolge Jesu leicht ist. Und dass er einen Grund hat, gerade mich für diese Aufgabe auszusuchen (wobei mir dieser Grund leider nicht so ganz klar ist, auch wenn ich eine Ahnung habe).
Hadern
Ich gestehe: Ich hadere mit dieser Aufgabe, die Gott mir gegeben hat. Vor allem wegen meiner christlichen trans* Geschwister, denen ich gerne zur Seite stehen würde, indem ich Gesicht zeige.
Aber auch wegen der Problematik, dies ausgerechnet als trans Frau zu tun. Wäre nicht eine christliche cis Frau viel besser dafür geeignet? Aber ich habe den Eindruck, dass Gott mir sagen will, dass er sich bewusst für mich und damit für eine trans Frau entschieden hat. Ich weiß aber nicht, warum. Das hat er mir bisher nicht gezeigt (wir wissen ja, alle Erkenntnis ist Stückwerk).
Manchmal widersetze ich mich dem, was ich als Gottes Willen für mein Leben erkannt habe – und gehe den Weg, der mir wichtiger erscheint: Gesicht zeigen als trans Frau in einer Freikirche, als Baptistin. Ich erkenne aber stets, dass es für mich falsch ist. Dass es für mich ein Irrweg ist. Es ist nicht grundsätzlich falsch, aber für mich. Es ist nicht das, was Gott von mir will.
Ich glaube, dass Gott mich nicht bestrafen wird, wenn ich mich weigere, die mir übertragene Aufgabe wahrzunehmen. Aber in mir ist ein Wissen, dass es falsch ist. Es wird auch kein Segen darauf liegen. Gott wartet, dass ich umkehre und seinen Willen tue.
Getrennte Welten
Ich habe vor einer Weile begonnen, diese beiden Welten zu trennen: Hier Michaela, die trans Frau im Baptismus, dort Lulua2, die für verschleierte Frauen eintritt. Diese Homepage gehörte bisher zu Michaela, zum Thema Gesicht zeigen als trans Frau im Baptismus. Für Lulua gab es eine eigene Homepage, „Lulua’s Café“.
Ich habe aber gespürt, dass ich nicht gut zweigleisig fahren kann. Entweder Michaela oder Lulua. Eine Weile habe ich daraufhin versucht, nur Michaela zu sein, habe Luluas Homepage abgeschaltet und natürlich auch aufgehört, mich zu verschleiern.
Aber ich habe gespürt, dass Gott weiterhin will, dass ich den Schleier trage. Dass ich das auch als Michaela tue, unter meinem richtigen Namen, nicht unter einem Pseudonym.
Michaela, die Niqabi
Ich habe gestern wieder damit begonnen – und dabei habe ich sehr deutlich gespürt, dass es der Weg ist, der dem Willen Gottes für mein Leben entspricht. Ich hatte eine sehr gute Unterhaltung mit zwei Frauen aus Palästina, die mich auf meinen Schleier angesprochen haben, ich habe in mir einen tiefen Frieden, eine tiefe Ruhe gespürt, die nur Gott uns geben kann, ich habe Gott so nahe bei mir gefühlt wie schon lange nicht mehr. Und auch meiner Gesundheit ging es plötzlich bestens, nachdem die schon eine ganze Weile für Kummer gesorgt hatte. Hatte ich am Vormittag ohne Schleier noch starke Knieschmerzen, wie schon die ganze Zeit, waren sie am Nachmittag plötzlich verschwunden, als ich verschleiert durch die Schwarzwaldstadt Calw mit ihren Höhenunterschieden lief.
Ich würde immer noch gerne Gesicht zeigen als trans Frau und Baptistin. Aber ich weiß: Gott hat etwas anderes mit mir vor.
Mir kommt dabei entgegen, dass ich tatsächlich nie Probleme habe, den Schleier zu tragen. Gott hat sich für diese Aufgabe tatsächlich eine Frau ausgesucht, die ohnehin ein Faible für alles Orientalische hat, als sei ich, wie eine muslimische Freundin mal im Scherz zu mir sagte, in einem früheren Leben eine Araberin gewesen (würde ich an Wiedergeburt glauben, wäre das eine sehr gute Erklärung). Ich mag weite, luftige Kleidung, ich habe kein Problem damit, meinen Kopf und sogar mein Gesicht zu bedecken. Lege ich den Schleier an, fühlt es sich an, als hätte ich nie andere Kleidung getragen.
Vielleicht ist das der Grund, warum Gott gerade mich dafür ausgesucht hat, weil ich dieses Faible für alles Orientalische habe.
Ich tue das nun unter meiner echten Identität, als Michaela, nicht länger als Greta bzw. Lulua. Ich stehe mit meinem Namen dazu. Das hat mir vor gut sechs Jahren schon einmal Probleme eingebracht, mit meiner damaligen Kirchengemeinde, aber ich glaube, es ist wichtig, dass ich mich nicht hinter einem Pseudonym verstecke.
1 Dieser Blog-Post steht in keinem Zusammenhang mit der Initiative „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ (Berlin).
2 Sprich mit doppeltem Glottisschlag: luʔluʔa; das ist die arabische Übersetzung von „Perle“, der Bedeutung meines Vornamens Greta (von Margaretha) im Deutschen, den ich gerne benutze, wenn es um die Verschleierung geht: die Perle in der sie schützenden Muschel.